Die RAG gönnt sich zu Weihnachten ein Corporate Book
Dezember 2006 | Meinung von Stefanie Berg | Neue Artikel per Mail erhalten“Die Kohle-Saga - der ergreifende Tatsachenroman über die Bergmannsfamilie Bialo erzählt die Erfolgsgeschichte der Kohle und damit den Aufstieg des Ruhrgebietes zur Fortschritts-Region der Bundesrepublik Deutschland“, so preist der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe sein neuestes Werk an. Geschrieben hat den “Tatsachen-Roman” der Schriftsteller Rafael Seligmann. Auftraggeber ist der RAG-Konzern, der die Hälfte der gigantischen Startauflage von 80.000 Exemplaren an Mitarbeiter und Geschäftsfreunde als Weihnachtsgeschenk verteilt.
Soweit kein Problem - Corporate Books liegen voll im Trend und machen für ein Unternehmen was her. Und wenn ein bekannter Schriftsteller mit ins Boot geholt werden kann, umso besser. Auch für Rafael Seligmann, dem ein guter persönlicher Draht zum RAG-Sprecher Christian Kullmann nachgesagt wird, dürfte sich das Auftragswerk lohnen. Denn von einer solchen Auflage können sonst nur die Stars des Literaturbetriebs träumen, wie etwa Walser oder Grass. Und auch die haben keine Garantieverkauf - noch bevor die erste Zeile gedruckt worden ist.
Hoffmann und Campe Corporate Publishing, auch für das preisgekrönte RAG-Magazin verantwortlich, kann sich ebenfalls über das Projekt freuen: Ein echter Roman ist ja doch noch etwas anderes als ein Hochglanz-Kundenmagazin oder eine Image-Broschüre.
Was allerdings in meinen Augen schon problematisch ist: Auf der Website zu dem Roman wird mit keinem Wort erwähnt, dass es sich um ein Corporate Book handelt. Und auch in den Pressematerialien sucht man einen solchen Hinweis vergebens - ebenso wie auf Hoffman und Campe Corporate Publishing. Für den nichtsahnenden Leser stellte sich das Ganze so dar, dass ein bekannter Autor bei einem renommierten Verlag einen Besteller veröffentlicht hat (bei der Auflage ist ein Platz unter den Top 10 sicher). Von einem Auftraggeber aus der Industrie ist dabei nirgendwo die Rede.
Bei der Präsentation des Werks am vergangenen Dienstag im Bochumer Bergbau-Museum machte Ex-Wirtschaftsminister und RAG-Chef Werner Müller deutlich, dass ihm die Roman-Handlung eigentlich gar nicht so wichtig ist. Vielmehr will er vor dem vermutlichen Börsengang seines Unternehmens Stimmung für die “Erfolgsgeschichte der Kohle, auf die der Aufstieg des Ruhrgebiets zur Fortschritts-Region der Bundesrepublik ruht” machen. Und Rafael Seligmann verriet, warum er dazu kein Sachbuch geschrieben hat: “Menschen werden mehr fasziniert durch Gefühle“.
Auf jeden Fall ist die Saga als mehrteiliges Werk angelegt. Rechtzeitig zum nächsten Weihnachtsfest soll der 2. Band fertig sein. Ob der wieder von der RAG gesponsert wird, ließ Werner Müller in Bochum offen. Aber es spricht einiges dafür, denn der erste Band endet 1969 - das ist das Gründungsjahr der Ruhrkohle AG.
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