Gestochen scharf
März 2008 | Meinung von Jacqueline Barth | Neue Artikel per Mail erhalten
Sina sieht mich fragend an. In ihrer Hand hält die Vierjährige die „Innovation“ Ausgabe 4 / 07. Mist. Auf dem Cover das Gesicht einer jungen Frau, an ihrem Zungenpiercing ein Preisetikett. Sina scheint mit den suggerierten Schmerzen zu hadern, sie weiß es noch nicht besser. Ihre Mutter lacht und meint lapidar „Ganz schön billig“.
Billig im Sinne von flach oder preiswert? Ein Euro neunundneunzig, die meine Phantasie beflügeln. Kostet die Heftherstellung so viel oder wenig oder das „Schnäppchen“-Piercing oder etwa die ganze Frau?
Okay, wenn frau in der Boutique ihr neues Lieblingsteil findet, muss sie doch auch nicht den ganzen Ständer kaufen, an dem das Teil hängt. Oh je. Aber toll, wozu Computertechnik so in der Lage ist. Zumindest, um eine Vierjährige zu erschrecken. FSK-Freigabe für CP-Produkte? Jetzt ist aber gut!
Wenn bereits der Titel zu derart nachmittäglichen Hirnbewegungen veranlasst, was kann, nein muss man da vom Innenteil erwarten?!
Tja. Das „Innovation“-Magazin kommt recht bieder daher. Schlicht mit einigen grafischen Spielereien. Und dem Hang zu grellen und eher verstörenden denn beruhigenden Blautönen. Die behandelten Themen sind nicht neuartig (Trend-Themen, Schwerpunkt), doch in ihrer Ausführlichkeit ganz sicher lesenswert.
Spannend wird es für den Leser bei der Rubrik „Wissen“. Dass Konsumenten von Forschern gern gruppiert werden, ist bekannt und nachvollziehbar. Aber die Kategorien, die Wissenschaftler noch immer dafür finden, sind bei TNS Infratest München mitunter despektierlich. „Abgehängtes Prekariat“ findet sich da und „Autoritätsorientierte Geringqualifizierte“. Das Bürgertum dagegen ist – natürlich - engagiert und die Bildungselite kritisch. Konsequent pauschalisiert! Aber ist sie wirklich noch zeitgemäß, diese doppelt konkrete Zuschreibung im Zeitalter von Individualismus und lebenslangem Selbstfindungstrip?
Also, wenn das Ego schon in Schubladen gestopft werden muss, dann fühlt es sich doch auf jeden Fall wohler in der „Latte-Macchiato-Familie“ beim Hamburger Zukunftsinstitut oder bei den „Super-Daddys“! Hat Sina einen? Klar, sagt sie und freut sich. Bloß gut.
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