Hei! Ra! Te! Mich!
August 2009 | Meinung von Annegret J. Freitag | Neue Artikel per Mail erhaltenSchon Tucholsky wusste, dass Romantik eher kurzlebig und unbeständig ist. Was man heutzutage auch von vielen Ehen sagen kann. Es drängt sich bisweilen sogar der Eindruck auf, manche Hochzeit werde ebenso unverbindlich abgehalten, wie ein Telefon-tête-à-tête über Bezahl-Hotlines zu fortgeschrittener Stunde. Darum ist es eigentlich nur konsequent, in der Zielgruppenansprache einen ähnlichen Weg einzuschlagen: Lasziv-verführerisch posiert eine junge, makellose Braut - nennen wir sie der Einfachheit halber mal “Chantal” - mit einladendem Blick, der eigentlich nur eines sagt: Ruf! Mich! An! … ähem … pardon: Heirate mich! - auf dem Cover der Infobroschüre Heiraten-in-Sachsen. Das Ganze vermittelt den Eindruck, hier werde munter Heiratsmarkt abgehalten und es ginge ums Verkuppeln - de facto soll das Blatt aber eigentlich Hochzeitspärchen bei der neudeutsch Wedding-Planing genannten Vorbereitung der Feier helfen.
Wer sich jedoch einfach das Krönchen auf Chantals Köpfchen und ihren Brilliant-Schmuck wegdenkt, und sich statt des malerischen Heckenrosen-Hintergrunds ein zünftiges Lack-und-Leder-Ambiente vorstellt, landet direkt beim Posing für einschlägige Nach-Mitternachts-Unterhaltung im hiesigen Free-TV. Was natürlich insofern ein cleverer Schachzug ist, als dass das Bildmotiv in seiner Verwendung damit extrem vielfältig einsetzbar wäre.
Doch abgesehen von der optimalen Zweit-Verwertbarkeit des Chantal-Fotos negiert das Titelmotiv der Hochzeits-Broschüre einige essentielle
Erkenntnisse zu diesem Thema: zum Beispiel, dass zum Heiraten immer zwei gehören; oder den Fakt, dass eine Braut zwar glücklich-verliebt aber selten lolitamäßig-verführerisch in eine Kamera blickt. Aber wer weiß: Vielleicht ist Chantal ja auch das Modell der Zukunft - von Instant-Telefonsessions über Instant-Hochzeiten bis zu Instant-Scheidungen.
Nachtrag: In der Folge-Ausgabe des Heftes haben die Herausgeber übrigens zu den alten Werten des Hochzeitmachens zurück gefunden - und ein Paar-Foto als Aufmacher gewählt. - Na bitte: Es geht doch!
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