Berliner Brunftschrei
Juni 2009 | Meinung von Anja Rettmann | Neue Artikel per Mail erhalten
Himmelhochjauchzend! Ganz ehrlich: Selten sieht man eine Publikation, die trotz anti-innovativem Zeitungsformat und -papier sowie ebensolcher Gesamterscheinung so auffallend schick und summa summarum grafisch innovativ anmutet. Ein scheinbares Leitmotiv in Form einer Sprechblase (”the place to be”, na gut), gute Bild-Text-Balance, gelunge Farbgebung und ansprechende Typo, das zunächst als Zeitung wahrgenommene Berlin ist visuell wirklich sehr schmissig. Der Blickfang schlechthin ist die Titelgestaltung, vielmehr deren Kopf: eine Ansammlung vieler kleiner Leitmotive, sprich minimalistischer Sprechblasen, zu einem großen Terminus: Berlin. Genau so etwas macht Lust auf’s Lesen. Doch leider leider…
Zu Tode betrübt beim näheren Hinsehen! Die Lektüre der ersten Zeilen lassen einen nur die Augen verdrehen, der Blick auf die folgenden Überschriften schon fast genervt weiterblättern, der weitere Versuch des Querlesens lässt den Leser die Zeitung dann doch bald zuschlagen und sie in irgendeine Ecke des Schreibtischnirwanas verschwinden. Es sei denn, man steht auf außergewöhnliche Selbstbesudelung. Es ist, wie es ist: Was die CP-Lounge hier erreicht hat, zeigt: Berlin. In seiner ganzen Pracht, Faszination und überschwänglichen Fröhlichkeit. Aber auch, tut mir ja leid liebe Berliner, in seiner Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und maßlosen Selbstgefälligkeit. Ein exzessiver Brunftschrei dieser Art kommt einem in Papierform schon selten vor die Linse.
Ja gut, es ist das zu einer Imagekampagne für Berlin zugehörige Heft. Diese steht unter dem Titel “the place to be” oder “sei berlin” oder auch “be berlin”, what ever. Ich mag der Kampagne ihre sicherliche gute Intention und Idee mitnichten absprechen. Und mag die Hauptstadt auch - um nur mal beispielhaft von der im Heft dargestellten Berlin-Selbstverliebtheit Zeugnis abzulegen - einzigartig, kreativ, einzigartig, eindrucksvoll, einzigartig (gähn) sein, realistisch kommt das Ganze nicht im geringsten rüber. Und Berlin vor allem nicht locker oder witzig, auch mal selbstkritisch oder gar ironisch. Jedenfalls nicht, so man dieser narzistischen Imagekladde Glauben schenkt.
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Von dieser be berlin Kampagne kommt mir wirklich das Würgen. Ein Paradebeispiel für gewollte Coolness…