Da Vinci und das Capital
August 2008 | Meinung von Tina Neundorf | Neue Artikel per Mail erhaltenIch blättere ein wenig in der Aprilausgabe des „Capital Guides“ und lese etwas in die Texte hinein. Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Vielzahl der doch recht kitschigen Bilder. Bei einem der Fotos zur Reportage „La vita è bella“ scheint dem Fotografen die Erinnerung an seinen Religionsunterricht doch arg ins Handwerk gepfuscht zu haben. Ist das etwa so eine Art Abendmahl der Neuzeit?
Da sitzt doch tatsächlich am Kopfende einer langen und bunt gedeckten Tafel ein älterer Herr und wird von einer Schar Frauen und Kindern umrahmt. Von der Decke hängen Kronleuchter herab und im Hintergrund prangt ein Meter hohes Gemälde, das von christlicher Mythologie geprägt ist. Die Assoziation zum Cenacolo Leonardo da Vincis ist nur allzu offensichtlich. Doch welche Geschichte steckt hinter diesem mit einer solch tiefen Bedeutung belasteten Foto? Hat dieser Mann ebenso wie Jesus eine Botschaft, die er weitergeben, eine Mission, die er erfüllen will?
Lese ich den Artikel durch, so stelle ich fest, dass diese „La vita è bella“-Geschichte von einem italienischen Textildesigner erzählt, der auf seinem weitläufigen Landsitz nicht nur die eigenen 9 Sprösslinge und 24 Pflegekinder beherbergt, sondern auch 60 weitere Mädchen und Jungen aus Problemfamilien, für die er eine zusammen mit Erziehern und Pädagogen eine Tagesbetreuung organisiert. Dieser eigentlich ohnehin schon sehr beschäftigte Mann hat es sich ganz schlicht zur Aufgabe gemacht Kindern ein schönes Leben zu bieten.
Eigentlich eine tolle Geschichte. Darum hinterlässt dieser Artikel bei allen Lesern, die sich mehr Nächstenliebe in unserer Welt wünschen, auch sicherlich ein gutes Gefühl. Provoziert durch das Cenacolo, kann er aber bedauerlicherweise all diejenigen, die den Menschen grundsätzlich vorwerfen, sie seien nur deshalb so großherzig, um sich damit selbst in ein besseres Licht zu rücken, bestärken. Dementsprechend ist diese Reportage eine gelungene Anregung zum Nachdenken, hat aber in Hinblick auf die Bebilderung leider doch ein wenig übertrieben, sodass es dieser schönen Story einiges von ihrer Glaubwürdigkeit nimmt.
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