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Oktober 2007 | Meinung von Jörg Petzold | Neue Artikel per Mail erhalten

ycc2.jpgEs gibt: Kleintierzüchtervereine, Modellbahnfreaks, Fußballfans, Schrebergartenparzellisten, Hip-Hop-Gangs, Synchronschwimm-verbände, Hobbyfotografen, die freiwillige Feuerwehr, Obdachlose, Laienschauspielgruppen, World-Of-Warcraft-Junkies, Kaufhaus-detektive, Trekkies, Cineasten, Angelverbände, Sozialhilfe-empfänger, Kite-Surfer, Low-Fat-Joghurt-Fitness-Girls, Skatbrüder, Krankenschwestern… es gibt so viele, denen es sowas von egal sein dürfte, dass es jetzt “Your Capital Contacts” gibt. Und mir auch.

Mehr noch, wenn man mir Eintritt in die “verschlossenen Gesellschaften der Botschaften” gewähren will, wenn ich den Test bestehe und auf 36 Fotos wichtige Leute errate, dann möchte ich das nicht. Nein! Noch dazu, wenn man mit dem Zeigefinger auf mich zielt und mir vorschreibt, ich “solle mich etwas mehr engagieren”, nur weil ich weniger als 20 Prozent der abgebildeten Menschen tatsächlich erkannt habe. Wenn doch, kann ich mir dafür Lachsbrötchen aus der chinesischen Botschaft abholen, Kontakte in die höchsten Gesellschaftskreise knüpfen und für 240 Latten am 5-Gänge-Champagner-Menü in einem der zig Berliner Edelschuppen teilnehmen…

Verzapft hat dieses aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf ökologisch abbaubarem Material gedruckte Magazin DasCorps; seit sieben Jahren bemüht, eine Netzwerk zwischen Diplomaten, Vertretern internationaler Konzerne, Geschäftsleuten , Kulturschaffenden und anderen Entscheidern zu bilden. Und nebenbei der Hauptstadt wieder zu wahrer Größe zu verhelfen.
Daran sollen auch die über die Seiten verstreuten Punchlines wie “Ausgewählter Empfängerkreis, internationale Themen: CapitalContacts” oder “Capital Contacts - Das Magazin mit den exklusivsten Lesern Deutschlands” erinnern.

Im Anhang gibt’s dann nicht die Gelben Seiten, sondern die Golden Pages (”~ sind das exklusive Verzeichnis unserer Mitgliedern, den aktiven Berlin Botschaftern.”). Liebes Corps, Exklusivität schützt nicht vor falscher Deklination! Und das im “Medium der Hauptstadt-Elite”. Ts, ts, ts, peinlich, peinlich…

Aber langsam dämmert’s: Dieses Magazin ist gar nicht für mich gemacht! Artikel wie “per Helicopter ins Olympiastadion - die exklusivste Mittagspause der Hauptstadt” sollen mich gar nichts angehen. Ich darf mich eigentlich auch gar nicht mit sowas auseinandersetzen. Du bist jenseits der Zielgruppe! Das ist nur für die Elite! Na fein.

Nur um es klar zu stellen: Jeder, der sich für exklusiv und elitär genug hält, wird an dem Magazin seine Freude haben. Alle anderen fühlen sich nicht nur ausgeschlossen, sondern stellen sich die Sinnfrage, wie man denn mit diesem Exklusionsmechanismus, den man sicherlich im Sinne Bourdieus auch als systemintegralen Katalysator sozialer Ungleichheit ansehen kann, umgehen soll. Wenn “Your Capital Contacts” das selbst ernannte Netzwerk der gesellschaftlichen Auslese ist, dann war die Verabschiedung vom Klassenkampf allem Anschein nach doch etwas verfrüht. (in memoriam: André Gorz).

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