For Fischessers only
April 2009 | Meinung von Anja Rettmann | Neue Artikel per Mail erhaltenGestern beim SPIEGEL-Lesen: Beiträge überflogen, kurz innegehalten, weitergeblättert - und gebannt wieder zurückgeblättert. Was steht da in der Anzeige? “Das neue Magazin für Eltern, die häufiger Fisch mit Stäbchen als Fischstäbchen essen.” Nunja, es gibt ja immer wieder diese Werbeanzeigen, die einen wirklich erstaunen und aufgrund einer Total-Verblüffung die Sprache verschlagen lassen. Das ist in diesem Fall anders, hier fällt mir doch eine ganze Menge ein. Vor allem Fragen. Um das aber erst einmal vorweg zu nehmen: Für mich reiht sich diese Aussage nicht nur in den Reigen der am unglücklichsten gewählten, sondern in den - pardon - der blödesten Werbesprüche schlechthin ein.

Aber erst einmal zur Sache: Nido nennt sich jenes Gut, dessen Verkauf hier werblich angepriesen werden soll und dadurch auslösendes Moment dieses Gefühls zwischen Verwunderung und Abscheu ist. Dabei handelt es sich doch zunächst nur um ein Magazin. Und zwar um ein ganz neues, das sich - ganz banal ausgedrückt - an solche Menschen richtet, die das wahre Leben leben - TROTZ KIND! Der unvorstellbarste Wahnsinn also. Eines will das Magazin nicht, lese ich nun außer mir vor Anspannung auf der Nido-Website: “Sie (den Leser nehm ich an) auf ein Mutter- oder Vater-Dasein reduzieren, dessen geistiger Horizont über die Auswahl der richtigen Wundcreme nicht hinausreicht. Wir sind uns sicher: Man kann beides haben – Kinder und einen offenen Blick auf die Welt.” Trommelwirbel bitte für den Schlusssatz: “Wir sind eine Familie, aber wir sind nicht gaga.” Was für ein sensationelles Vorhaben - wo doch die Mamis und Papis seit jeher einfach nur dummi im Köpfi sind!
Aber zurück zum Ursprung des Aufregers, dem Werbeduktus. Die Nido-Werber, die sich ganz urban wahrscheinlich Advertiser nennen, wollen mit jenem Slogan einfach nur verdeutlichen: Hey, es gibt Schubladen - entweder du bist in der Hip-Kaste oder eben nicht. Und Eltern sind eben auch urban-modern mit Dubai-Wochenendtrip, Ohrenstäbchen von Prada und was Luxury halt noch so mit sich bringt oder bestehen halt aus der Herd-Ehefrau-und-Geldheimbringer-Gatte-Kombi. Design-Schublade Stäbchen-Fischesser oder Pappkarton-Kategorie Fischstäbchen-Mampfer halt.
Aber bitte, liebes Werbeteam, warum dann so subtil vorgehen? Warum nicht gleich die Klatsche richtig rein ins Gesicht der Unterschicht? Die nächste Kampagne kann da ruhig einen Schritt weitergehen: “Für die Kavier-Esser unter den Mercedesfahrern” oder “Wer zu Aldi geht, kann eh nicht lesen - zumindest nicht uns”. Klingt zugegebenermaßen auch besser als “Das Magazin, das sich für etwas besseres hält, für Leute, die sich auch für etwas besseres halten”, obwohl es das ausdrücken soll oder?
Liebe potenzielle Leser und Sushi-Gourmets, ihr habt nun einmal etwas Hipperes verdient als das Fischstäbchen essende und Boulevardblatt lesende Discounter-Publikum, lest also Nido (heißt wahrscheinlich nicht doof, vermute ich). Meinen die Werber. Schimpfend wie ein Rohrspatz bleibt mir nun doch die Sprache weg und ich bin kurz heilfroh, kein Kind zu haben. Was würde ich dann bloß lesen - ich ess ja überhaupt keinen Fisch!
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