Knapp daneben
Mai 2008 | Meinung von Tom Schoener | Neue Artikel per Mail erhalten
Ich bin ja durchaus ein Fan von tiefsinniger Symbolik und mythologischen Analogien, aber was die Macher von P.T., Magazin für Wirtschaft, Politik und Kultur, hinsichtlich des Titelbildes ihrer aktuellen Ausgabe geritten hat – keine Ahnung.
Für einen mythologisch-religiös eher durchschnittlich gebildeten Leser erschließt sich das Titelbild in keiner Weise. Man sieht, und da ist man schon weit, einen Engel, der zwei nackte Menschen mittels einer analogen Handwaage wiegt. Umgeben wird diese Szenerie von weiteren nackten Elendsgestaltenen, die von Teufelsfiguren mittels Geißel und Dreizack in die Enge getrieben werden. Über dieses Bild zieht sich in weißen Lettern die Titelüberschrift: “Führungsfragen – Wie man Mitarbeiter begeistert?”.
Wie soll man das denn nun verstehen?
Zunächst zur Erklärung: Es handelt sich um ein von Hans Memling in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts geschaffenes Gemälde, mit dem Titel: „Das jüngste Gericht“. Dieses ist angelehnt an die letzte Szene der Offenbarung des Johannes und zeigt die “Wägung der Seelen der Menschen” durch den Erzengel Michael, sprich die Entscheidung welche Menschen geröstet werden und welche auf einer Wolke Harfe spielen dürfen.
Ich habe Stunden, nein Tage und Monate damit verbracht, mir zur erklären, welchen tieferen Sinn dieses Bild vermitteln soll, denn dass das willkürlich, ohne Reflexion gewählt wurde, möchte ich nicht glauben.
Es fängt ja schon damit an, dass das Bild lediglich ein Ausschnitt des eigentlichen Gemäldes zeigt – und dann genau eben den, der die düstere Seite des Geschehens bebildert. Das Gemälde selbst zeigt auf dem linken Abschnitt, die Himmelsanwärter (weggeschnitten) und über allen thront der Herr Jesus und schaut, umgeben von Mama Maria und seinen Aposteln, besonnen dem bunten Treiben unter ihm zu (ebenfalls weggeschnitten). Das Bild in seiner Gesamtheit hätte also nicht funktioniert. Warum also fällt die Wahl auf dieses Bild?
Zudem darf man auch nicht die Überschrift aus den Augen lassen – Führungsfragen. Ich mein, da führt ja keiner irgendwen irgendwo hin, da wird gerichtet, und das nicht zu knapp. Soll der Engel den Unternehmensboss darstellen, der seine Vasallen knechtet, dann wäre es provokativ – aber inhaltlich doch noch immer völlig unsinnig.
Vielleicht hilft uns ja der Artikel: Okay, Quintessenz ist die, dass sich die Führungsqualitäten steigern müssen – aber die Wirkung eines solchen Bildes impliziert doch einen Zustand, wie er in den Anfängen der Industriegesellschaft vorherrschte und wo der Großkapitalist dem Proletariat mal noch so richtig einen auf den Deckel geben konnte.
Oder anders, man könnte interpretieren, dass die Führungsfigur in eine gottgleiche Rolle transferiert wird und der Arbeitnehmer dann… - irgendwie kommen wir hier nicht aus der Geschichte raus.
Fassen wir zusammen: Für einen kunsthistorisch ungebildeten Leser erschließt sich der Zusammenhang zwischen Titelbild und Titel in keiner Form und damit ist die Wahl eines solchen Bildes selbst für ein Magazin, welches Kultur im Namen trägt, einfach unsinnig. Aber selbst für die Leser, die das Motiv wiedererkennen und denen zudem der Kontext bekannt ist, in welchen dieses einzuordnen ist, wird sich kein Zusammenhang zwischen Titel und Titelbild erschließen.
Also ab in die Ecke und mit dem Gesicht zur Wand drehen.
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