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Manege frei!

September 2008 | Meinung von Alexander Gondosch | Neue Artikel per Mail erhalten

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“Tam-Tam”, Vorhang auf und Manege frei für ein ganz besonderes Fundstück aus meiner Heimatstadt Leipzig: HOW TO – ein Magazin, das Fragen stellt. So zum Beispiel, was ist das angemessene Format für eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben? Ein Format, welches sich mit jeder Ausgabe einem Thema verschreibt? In diesem Fall ein ganz klares Jaaa!

Denn jede Ausgabe des halbjährlich erscheinenden Heftes hat ein neues übergeordnetes Motiv, das von wechselnden Autoren, Fotografen und Illustratoren auf hohem inhaltlichen und ästhetischen Niveau unkonventionell und interdisziplinär angegangen wird. Für HOW TO # 3 – HOW TO clown erschien im April 2008 – haben sich über 30 Autoren, Gestalter und Fotografen mit dem Thema “Clown” auseinander gesetzt.

So erfährt der geneigte Leser neben historischen Fakten auch Einblicke in das moderne Clownwesen mit seinen Protagonisten Krusty, Ronald McDonald und Pennywise, wobei die letzteren beiden augenscheinlich mehr gemeinsam zu haben scheinen als bisher angenommen. Was sich auf den weiteren Seiten abspielt, ist an Kontroversität und damit verbundenem Amüsement kaum zu überbieten. Dem Statement “Clowns sind nicht witzig!” , welches übrigens meine persönliche Einstellung zu diesen luftballontierformenden Rotnasen widerspiegelt, folgt eine Schminkanleitung “In 10 Schritten vom netten Kerl zum bösen Clown”, praktisch für den Hausgebrauch. Endlich wird auch die Frage beantwortet, welche uns allen schon immer auf der Seele brannte: Was macht ein Clown mit einer Rolle Tesafilm? Wobei die Frage hier lauten sollte: Wie wird der Clown das Resultat relativ schmerzfrei wieder los?

Der Aufreißer “Der Clown ist tot, erlebe den Clown!” (frei übersetzt nach Dimitris Stück von 1978: “Il Clown è morto, evviva il Clown!”) ist richtungsweisend für das Gesamtkonzept von HOW TO: Befreie Dich von allen Bildern, reiße alles nieder – und beginne von vorne! „Erwartungen lähmen und verstellen den Blick auf Neues,“ sagt HOW TO - Herausgeber Tim Klinger. Sein kritisches Themenmagazin soll nicht nur inhaltlich anstiften, neben all den Späßen wird der heutigen Gesellschaft ihre verzerrte Fratze vorgehalten. Auch gestalterisch wird viel Wert auf Agitation gelegt.

Klingers Grafikdesign, die bockige Handschrift von HOW TO, hat den Anspruch visuell zu kommunizieren. Dies, so Klinger, sei eine klare Absage an den lange vorherrschenden Trend, Grafikdesign lediglich als Selbstzweck zu fabrizieren und zur Kunst zu deklarieren. HOW TO holt das politische Grafikdesign aus der Versenkung, in der es lange Zeit nur vom Zitat der Vergangenheit gelebt hat. Als Lohn für die aufopferungsvolle Arbeit folgte die Auszeichnung mit dem iF Design Award 2007 in der Kategorie Verlagsmedien.

Das Printformat ist eine bewusste Entscheidung und bedeutet trotzdem keine Abkehr vom Internet - im Gegenteil. Die Idee, ein Magazin als offene Plattform anzulegen, ist aus dem »Web 2.0«- Gedanken heraus entstanden. HOW TO lebt vom Internet: Newsletter, Werbung und die Beiträge kommen über das Netz. Aber gedruckt hat HOW TO weitaus mehr Informationsgehalt, als eine Webseite hergeben kann. Das Magazin speist sich aus den unterschiedlichsten Quellen und im Gegensatz zu Webseiten, die ohne Verortung und zeitlichen Bezug sind, stellt es ein thematisch und zeitlich fest verankertes Archiv dar. HOW TO ist keine Kopie der angeforderten Informationen, so wie das eine angezeigte Webseite ist, sondern ein Dokument seiner Zeit. Nur Papier ist so geduldig.

Zur nächsten Ausgabe ruft Tim Klinger dazu auf, sich mit dem Thema “Stalker” im weitesten Sinn auseinanderzusetzen: angefangen bei der begrifflichen Herkunft des Phänomens über Schäubles Online-Durchsuchungen bis hin zu Werbeanrufen auf der privaten Festnetznummer, von denen man täglich bis nach Hause verfolgt wird. Vom Exhibitionismus unserer Jugend ganz zu schweigen – egal ob bei Deutschlands nächstem “Topmodel” oder auf Internetportalen wie StudiVZ. Man darf im Oktober gespannt sein.

Kategorie: Magazintest CPL-Award

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